Wenn der Weihnachtsmann zum Suedpol zieht

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Ein großer Lastwagen schlitterte über eine eisige Straße. Langsam herabrieselnde Schneeflocken hatten eine weiße Schicht auf der Straße gebildet. Links und rechts des Weges konnte man nur Eis und Schnee sehen, der sich kilometerweit in kleinen Hügeln erstreckte. Das Fahrzeug mit der schwarzen Plane war deutlich vor diesem Weiß zu sehen. Der Schriftzug „Spielzeug“ flatterte darauf. Der Lastwagen fuhr in Richtung einer rotweiß gestreiften Stange, die mitten im Eis steckte. Er bremste und schlingerte dabei. Es war viel zu glatt. Mit einem leisen „Klong“ prallte der Lastwagen gegen den Stab und blieb stehen. Die Fahrertür öffnete sich und heraus stieg eine Frau, die mindestens zwei Wintermäntel übereinander trug. Ihre langen, schwarzen Haare fielen unter einer dicken Wollmütze hervor. Sie ging zu dem Stab und versuchte verlegen, ihn wieder geradezurücken. Dann sah sie sich um.
„Hier sollte es doch eigentlich sein. Oder habe ich mich verfahren?“, sie holte einen Zettel hervor und schaute darauf: „Herr W. Mann. Am Nordpol. Da, wo die rotweiße Stange ist.“
Tarja drehte sich einmal im Kreis. Hier war die Stange. Aber kein Haus weit und breit.
„Hallo? Ist hier jemand?“, rief sie in die Eislandschaft hinaus, „Lieferung für Herrn W. Mann!“
Eine richtige Antwort bekam sie nicht, aber ein Brummen erklang. Die junge Lastwagenfahrerin kniff die Augen zusammen. Durch das Schneegestöber konnte sie etwas erahnen und ging darauf zu. Sie kam näher und sah drei Dinge. Ein paar Grundmauern eines Hauses, die aus dem eisigen Boden ragten. Ein Eisbär, der auf diesen Resten saß und deprimiert auf den dritten Gegenstand deutete: Eine Stange mit einem Postkasten darauf. Daran klebte eine Notiz, die Tarja las: „Bin umgezogen. Neue Adresse: Am Südpol. Da, wo die rotweiße Stange ist. Bitte Lieferung nachsenden.“
Tarja seufzte und ließ Schultern und Zettel hängen.
„Echt jetzt?“

Rund 20.000 Kilometer später schlitterte der große Lastwagen wieder über eine dicke Schicht aus Eis. Der Scheibenwischer schubste die ständig fallenden Schneeflocken weg. Im Radio sang jemand etwas über verrückte Weihnachten. Tarja nickte im Takt. Hier irgendwo musste doch ihr Ziel endlich sein. Sie kniff die Augen zusammen, um durch das Schneegestöber etwas erkennen zu können. Da! Sie trat auf die Bremse, als sie die rotweiß gestreifte Stange sah. Der Lastwagen schlitterte über das Eis. Sie presste die Zähne zusammen. Der Lastwagen wurde langsamer. Erleichtert atmete Tarja aus. Da erklang das leise „Klong“, als der Lastwagen an der Stange zum Stehen kam. Die junge Frau grummelte und hoffte, es hätte sonst niemand bemerkt.
Ein Blick auf das Thermometer verriet ihr, dass es draußen minus 25 Grad waren. Wie gut, dass sie ihren dritten Wintermantel eingepackt hatte. Sie öffnete die Tür und sofort blies der eisige Wind ihr Schnee in das Gesicht. Mit einem Sprung landete sie im weichen Schnee. Es fühlte sich fast an, wie auf Wolken zu laufen.
Sie ging zur Vorderseite des Lastwagens und sah, dass die Stange, wie erwartet, schief im Boden steckte. Ein Rentier hatte den Kopf gesenkt, die Stange zwischen die Hörner genommen und versuchte gerade sie wiederaufzurichten.
„Lass mal gut sein, kleiner. Das schaffst du nicht, der Wagen ist viel zu schwer“, sie ging zum Rentier, um es zu streicheln. Da machte dieses einen Schritt vorwärts und schob den Lastwagen beiseite.
„Hey, ich bin Prancer! Ich kann einen Schlitten voller Geschenke durch die Luft ziehen, da werde ich doch so einen kleinen Lastwagen bewegen können“, schnaubte das Rentier.
„Oh. Natürlich“, sagte die erstaunte Tarja, „Dann bin ich wohl richtig. Ich habe eine Lieferung für Herrn W. Mann“, sie schaute auf ihre Liste, „5000 ferngesteuerte Rennautos. 5500 Puppen und 24971 Eisbären.“
Tarja blinzelte angesichts der merkwürdigen Zahl.
„Chef!“, das Rentier brüllte so laut es konnte, „Die Eisbären sind da!“
Mit einem Mal hörte es auf zu schneien und zwischen den letzten, zu Boden rieselnden, Schneeflocken erschien ein großer Mann, mit rundem Bauch und langem, weißen Bart. Er trug dicke, schwarze Stiefel. Doch da hörte die Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann, wie Tarja ihn kannte, auch schon auf. Der Mann trug ein rotes T-Shirt mit weißen Rändern an den kurzen Ärmeln. Dazu eine kurze Bermuda-Hose mit Palmen darauf.
„Ho, ho! Was für fröhliche Nachrichten!“, er stapfte durch den Schnee auf Tarja zu und schüttelte ihre Hand. Sein freundliches Lächeln ließ die junge Frau für einen Moment die Kälte des Südpols vergessen.
„Tut mir leid, dass ich so spät bin. Aber wir hatten nicht mitbekommen, dass sie umgezogen sind.“
„Kein Problem“, die beiden gingen zur hinteren Seite des Lastwagens.
„Dann ist ja gut. Ich hatte schon befürchtet, dass die Lieferung jetzt zu spät ist und viele Kinder enttäuscht werden müssten. Schließlich ist Weihnachten schon in wenigen Tagen.“
Das Rentier schnaubte, „Das stimmt nicht. Weihnachten wurde verschoben. Ist erst im Juni.“
„Was?“, Tarja sah verwirrt zwischen Rentier und Weihnachtsmann hin und her.
Der Mann klopfte zweimal gegen die Tür des Lastwagens und sie schwang auf.
„Bei diesen sommerlichen Temperaturen hier am Südpol zu dieser Jahreszeit. Da will bei mir einfach keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Also ist Weihnachten ab jetzt, wenn hier Winter ist.“
„Aber … dann müssen die Kinder ja jetzt noch ein halbes Jahr warten.“
„Das werden mal große Adventskalender“, schwärmte Prancer.
„Und abwarten zu können, bringt extra Sterne im Buch der braven Kinder“, der Weihnachtsmann holte einen kleinen Jutesack aus der Tasche seiner Bermudas und faltete sie auseinander, bis sie genauso breit war, wie der Lastwagen.
„Ja, aber die haben doch jetzt schon alles schön geschmückt und Kekse gebacken.“
„Also meiner Meinung nach, schmecken Zimtsterne eh erst richtig, wenn sie einige Monate gereift sind“, verkündete Prancer und schob auf den Wink des Weihnachtsmanns sein Geweih unter die Mitte des Lastwagens.
„Es hat aber auch viele Vorteile, wenn Weihnachten im Sommer ist. Da sind die Sommerferien. Dann haben die Kinder endlich genug Zeit, auch mal mit dem Spielzeug zu spielen“, der Weihnachtsmann nickte seinem Rentier zu. Prancer hob den ganzen Lastwagen hoch und kippte ihn so nach hinten, dass die Geschenke heraus und in den Sack purzelten. Zu Tarjas erstaunen, blieben die Eisbären an ihrer Stelle.
Die junge Frau musste dem Argument schon zustimmen: „Ok. Man kann auch mehr mit der Familie unternehmen. Sonst kommen ja selten alle im Sommer zusammen.“
Der Weihnachtsmann nickte und schnürte den Sack zu, „Und ich kann endlich mal Badehosen und Schnorchel, anstelle von Wollsocken und Strickpullovern verschenken.“
„Aber zu Weihnachten gehört doch auch Schnee und Kälte.“
„Davon gibt es hier noch mehr als am Nordpol“, der Mann strich sich überlegend mit der Hand durch den Bart, „Vielleicht keine schlechte Idee, etwas davon zu verschenken.“
„Und was wird aus den gemütlichen Abenden am Kaminfeuer im Schein der Kerzen?“
„Weihnachtslagerfeuer unterm Sternenhimmel“, sagte der Weihnachtsmann, breitete dabei die Arme zum Himmel aus und ließ den Geschenksack fallen.
„Ok“, sagte Tarja wenig überzeugt.
„Wo soll das hin, Chef?“, fragte eine piepsige Stimme, die von unter dem Sack kam.
„Regal 761B. Ganz oben rechts.“
Tarja fragte sich, wo der kleine Wichtel so schnell hergekommen war, da war er auch schon samt Geschenksack im Haus des Weihnachtsmanns verschwunden. Sie blickte auf die Ladefläche des Lastwagens. Dort standen immer noch die eingepackten Kuscheltiere.
„Was ist mit den Eisbären? Die sind wohl kaum ein passendes Geschenk für Kinder im Sommer.“
„Ho, Ho. Die Eisbären sind nicht für die Kinder“, erklärte der sommerliche Weihnachtsmann. Er wedelte mit der Hand und die Bären zerrissen ihre Verpackungen und kletterten einer nach dem anderen heraus.
„Die sind für Chef“, erklärte Prancer, „Hier am Südpol gibt es keine Eisbären, nur Pinguine am Meer und das ist weit weg vom Pol.“
„Und ich vermisse meine Eisbären doch so sehr“, schluchzte der kräftige Mann.
Ein Brummen erklang vom Dach des Wagens und einen Moment später sprang ein echter Eisbär herunter und auf den Weihnachtsmann.
„Bruno!“, der Weihnachtsmann umarmte den Eisbären und drückte ihn ganz fest. Freudentränen kullerten aus seinen Augen und fielen als Eiskügelchen in den Schnee.
Tarja erkannte den Bären wieder. Der am Nordpol traurig sitzende Bär musste wohl als blinder Passagier mitgefahren sein.
„Aber wieso seid ihr dann überhaupt vom Nordpol zum Südpol gezogen?“, wollte Tarja nun wissen.
„Ich wäre gerne dageblieben, aber das Eis am Nordpol schmilzt langsam weg und in einem Hausboot werde ich seekrank.“



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