Verdreht und Aufgenäht

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Hast du auch schon einmal geträumt? Aber klar! Dann kennst du das: Du läufst die Straße entlang. Neben dir fliegt ein Freund vorbei. Du breitest die Arme aus. Dann hängst du plötzlich kopfüber von der Decke.
In meiner Welt ist das jeden Tag so.
Ich stehe morgens auf. So um zwölf Uhr. Ziehe meinen Schlafanzug an. Putze meine Zähne mit Schokolade und trinke dann mein Toast. Meine Oma ist schon lange wach. Sie sitzt auf dem Sofa und näht eine Hose. Ich spiele noch mit unserer Katze. Sie ist die Maus und ich der Hund. Sie fängt mich jedes Mal. Die Giraffe aus unserem Zoo hinter dem Haus verdreht ihren Hals, um uns zuzusehen.
Dann räume ich erst noch mein Zimmer auf. Damit ich nicht zu früh zur Schule komme. Die Bücher und Hefte kommen unter die Bettdecke. Damit Mama und Papa sie nicht finden. Natürlich packe ich auch das Spielzeug für die Schule ein. Endlich geht es los! Oma kommt mit und das Nähzeug auch.
Mit meinen Freunden gehen wir dem Bus hinterher. Beim Schloss machen wir eine Pause. Die Vögel fliegen so lustig im Wasser. Oma nutzt die Zeit und näht die Knöpfe ab. Dann gehen wir weiter zur Schule. Die steht auf dem Dach des höchsten Hochhauses der Stadt, das sich wie verdreht in den Himmel erhebt. Die Lehrer schimpfen. Wir sind zu früh. Also müssen wir Vorsitzen. Dabei stehen wir an der Tafel und reden ganz viel quatsch. Aber die anderen glauben uns doch.
In der ersten Stunde haben wir Lesen. Frau Nesel, die Lehrerin, liest uns Wörter vor. Von hinten nach vorne. Wir schreiben sie richtig. Heute habe ich leider nur eine Zwei bekommen. Sechs ist ja die beste Note. Wir bekommen jeden Tag Noten. Nur nicht, wenn wir eine Klassenarbeit schreiben.
Mathe ist das langweiligste Fach von allen. Gerade lernen wir das kleine eins plus eins. Wir stellen uns alle in einer Reihe auf und warten. Immer, wenn einer einschläft rechnen wir. Der Lehrer minus eins. Wir Schüler plus eins. Dann rechnen wir beides plus. Wenn etwas anderes als null herauskommt, hat der Lehrer verloren. Das kam aber noch nie vor. Oma rechnet auch immer minus. Jetzt hat sie schon das dritte Hosenbein abgenäht. Das finde ich gut. Heute ist es warm. In der kleinen Pause trage ich also eine kurze Hose.
Ich mag am meisten den Sachunterricht. Da lernen wir viele nützliche Dinge. Letztens haben wir gelernt, wie man Hasen dazu bringt Nester auf Bäumen zu bauen. Und zu lernen wie man Uhren verstellt war wirklich hilfreich. Jetzt ist die Schule nie mehr pünktlich zu Ende. Auch der Garten macht Spaß. Wir haben einen eigenen Unkrautgarten.
In der Mittagspause gibt es auch bei uns etwas zu Essen. Heute gab es Wackelpudding und zum Nachtisch Gemüse. Niemand mag den Nachtisch.
Als Nächstes haben wir Sport. Sport ist auch nicht schlecht. Wir sitzen alle im Kreis auf dem Dach der Schule und schauen den Vögeln zu. Die Lehrerin erklärt uns wie man fliegen kann. Kann man nicht. Wir können nicht fliegen, aber wenn wir springen erreichen wir die Wolken. Heute halten wir uns an den Wolken fest. Dann klettern wir darauf. Springen von einer zur nächsten. Das Handy der Lehrerin klingelt. Die Schulstunde ist leider schon vorbei. Wie Federn schweben wir auf den Schulhof zurück.
Jetzt kommt nur noch eine Stunde. Stören. Darin habe ich eine glatte sechs. So schnell macht mir das keiner Nach. Den Lehrer zu nerven macht natürlich keinen Spaß. Aber Mama sagt immer: „Schule kann nicht nur Spaß machen.“ Heute macht es dann doch Spaß. Der Lehrer schläft am Ende der Stunde ein.
Schade. Jetzt ist die Schule leider vorbei. Ich gehe mit meinen Freunden nach Hause. Im Winter treffen wir uns nach der Schule immer bei meiner Oma. Wir helfen ihr beim Nähen. Alle Kinder bringen ihre neuen Hosen mit. Wir schneiden Löcher hinein. Oma näht den Stoff fest. Damit die Hosen nicht wieder heile werden, wenn wir damit toben. Aber Winter ist erst nächsten Donnerstag wieder. Heute ist Sommer und übermorgen Frühling.
Also spielen wir heute auf der Wiese. Wir spielen Verstecken. Heute bin ich dran. Ich verstecke mich. Die anderen Suchen. Ich hoffe sie finden mich. Dann habe ich gewonnen.
Leider hat mich niemand gefunden. Jetzt habe ich wieder Hunger. Ich gehe nach Hause und mache den Fernseher aus. Ich finde, Mama und Papa sehen viel zu viel Fernsehen. Aber irgendwie müssen sie Geld bezahlen. Meine Schwester braucht schon wieder neue Kleider. Sie wird einfach viel zu schnell kleiner.
Ich gehe zum Kühlschrank und hole mir etwas Milch von der Kuh, die darin wohnt. Danach will ich ins Bett. Aber Mama sagt, ich muss erst noch meine Hausaufgaben machen. Also hohle ich das Radiergummi. Der Lehrer hat heute drei Seiten voll geschrieben! Es dauert eine Stunde, bis ich alles radiert habe.
Danach geht es endlich in das Bett. Ich kuschel mich über die Bettdecke und mein Teddy nimmt mich in den Arm. Ich schlafe ganz langsam ein.
So ist meine Welt. Nur wenn ich träume, ist alles normal. So wie bei dir.

Das Coverbild entstand übrigens mit Elementen von:
Erik Nilsson (Giraffe)
Sunrise (Hochhaus)
Andrew Martin (Seile)
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