Elfenmaske
„Opa! Opa!“, Lura rief so laut sie konnte. Die Vögel auf den grünen Bäumen sahen sie verwundert an.
Ihr Opa kam zwischen ein paar großen Eichen hervor und lächelte, „Ah Lura! Schön das du mich besuchen kommst.“
Lura viel ihrem Opa um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Danach sprang sie über die Wiese hinter Opas Haus, das direkt am Waldrand lag. Früher, als Opa noch nicht ganz so alt gewesen war, war er Förster. Mama hatte erzählt, er hatte sich um alle Bäume und alle Tiere im Wald gekümmert. Das war ganz schön viel Arbeit. Lura konnte nicht einmal alle Bäume zählen! Doch jetzt war er in Rente und machte … Ja was macht Opa überhaupt den ganzen Tag?
Das kleine Mädchen mit den zwei Zöpfen wirbelte herum, „Was tust du Opa?“
„Ich habe gerade den Elfen für ihre Hilfe im Garten gedankt.“
„Oh! Sind sie noch da? Ich will auch Elfen sehen!“, Lura rannte zum Waldrand und reckte und strecke sich, um hineinzuschauen.
„Sie sind schon wieder zu den Rehen und Igeln. Elfen sind sehr fleißig, weist du?“
„Oh!“, Lura ließ enttäuscht die Schultern hängen, „Ich hätte sie so gerne gesehen. Wie sehen die Elfen aus?“
„Wie sie aussehen? Nun ja … etwa so“, Opa zog seine Hände hinter dem Rücken hervor. Lura riss die Augen weit auf. In Opas Händen ruhte eine Maske aus Holz. Die sanften Gesichtszüge folgten den Linien des Holzes. Die Nase war etwas größer. Genauso die Löcher für die Augen. Staunend nahm Lura die Maske in die Hand. Das Holz war weich und warm.
„Die ist ja so schön! Hast du die gemacht, Opa?“, die Augen des Mädchens strahlten, als sie in das alte Gesicht ihres Großvaters schaute.
Er lächelte leicht und sagte: „Ja und die Elfen haben mir dabei geholfen. Setze sie auf. Ich bin gespannt, welchen Elfenzauber sie trägt.“
Lura setzte die Maske auf. Sie passte perfekt. Sie schien eins zu sein mit Luras Gesicht, so als hätte sich das Mädchen tatsächlich verwandelt. Ihre blauen Augen strahlten groß durch die Maske und ihr langes, kastanienbraunes Haar wehte über den Wangen, als sie sich im Kreis drehte. Plötzlich schienen die Zweige der Bäume sich zu ihr hinabzubeugen und die darauf sitzenden Vögel zwitscherten die fröhlichsten Lieder. Es war als schwebten ihre Noten wie kleine Funken um sie herum und tanzten mit ihr.
„Schau Opa! Ich bin eine Elfe! Eine richtige Elfe!“
Opa lachte fröhlich und hielt sich dabei an den Hosenträgern seiner blauen Latzhose fest. Bei der nächsten Drehung sah Lura, das Mama und Papa über den kleinen, gelben Ziegelsteinweg in den Garten kamen.
„Das ist ja Wahnsinn! Du siehst echt wie eine kleine Elfe aus!“ Papa schnappte sie bei den Händen und wirbelte sie im Kreis herum über das Gras. Als er wieder langsamer wurde, landete Lura vor dem Kräuterbeet. Mama wollte sich dort etwas Petersilie pflücken.
„Du musst sie auch mal aufsetzen Mama!“, Lura nahm die Maske ab und überreichte sie.
Auch Luras Mama passt die Maske sehr gut. Von der Nasenspitze bis zu den spitzen Ohren sah sie aus wie eine echte Elfenkönigin. Sie blickte über das Beet mit den frischen Kräutern und murmelte: „Eigentlich kann ich auch mal das nehmen.“
Lura half Mama, eine Handvoll der gelb blühenden Kräuter zu pflücken.
„Sagst du Opa, dass wir Essen mitgebracht haben und es gleich etwas gibt?“, fragte Mama und reichte ihrer Tochter die Maske zurück.
Lura nickte, drehte sich um und rannte mit der Maske in der Hand über den Rasen zurück zum Waldrand, wo Papa und Opa standen. Sie sahen sich einen vertrockneten Busch an.
„Den werden wir wohl herausreißen müssen“, meinte Papa.
Opa nickte traurig, „Schade. Ich weiß nicht mehr, was das für einer ist, aber er blühte im Juli immer so schön.“
„Aber jetzt gibt es erstmal Essen!“, rief Lura. Sie streckte ihrem Vater die Maske entgegen, „Und du bist dran mit Maske aufsetzen! Du bist jetzt nämlich der Waldelf!“
Papa setzte die Maske auf. Lura staunte. Hatte sich die Maske an Papas längliches Gesicht angepasst? Er sah so richtig elfisch damit aus. Und hatte er jetzt Elfenstärke? Er hob Lura hoch und trug sie zum Haus zurück, als ob sie leicht wie ein Blatt wäre. Nein. Das machte er doch immer. Sie gingen hinein und zogen sich die Schuhe aus.
„Nanu. Was liegt denn da?“, Papa schob seine Schuhe an ihren gewohnten Platz und griff unter den Schrank. Er zog ein altes, staubiges Buch mit verblasstem, grünen Einband hervor.
„Das gibt es doch nicht“, Opa nahm das Buch entgegen und sagte zu Lura: „Das ist Omas altes Waldbuch. Ich habe mich schon lange gefragt, wohin es verschwunden ist.“
Opa nahm es mit zum Tisch und blätterte darin herum, bis Mama sagte, er solle es beiseite packen. Aber da hatte er schon gefunden, was er gesucht hatte.
„Die Oma hat den vertrockneten Busch Ruhasill genannt und geschrieben, er braucht ganz besondere Pflege. Man muss ihm ein Lied vorsingen.“
„Oh ja! Dann singen wir ihm gleich etwas vor! Heile, heile Gänschen …“
„Jetzt werden wir aber erst einmal essen. Sonst ist es gleich kalt“, meinte Mama.
Opa nickte, aber murmelte noch: „Oma hatte immer ein Lied, wenn ich mich nur daran erinnern könnte.“
Lura fand die Suppe heute super lecker. Auch Opa fand das Essen besonders, es erinnerte ihn an Omas Suppe. Als er seinen Teller halb leer hatte, begann er zu summen.
Nach dem Essen gingen sie zum vertrockneten Busch. Papa und Opa hatten Spaten mitgenommen. Papa meinte, der Busch sei leider nicht mehr zu retten.
„Aber versuch es doch Opa!“, bat Lura, „Singe ihm das Lied vor!“
Opa nickte, „Du hast recht. Schaden kann es nicht und bestimmt wird es zumindest den Elfen gefallen.“
Opa summte diese alte Melodie, die Lura noch nie zuvor gehört hatte. Sie beobachtete den Busch genau. Sie drückte ihre Daumen. Doch es passierte nichts. Dann viel es ihr auf. Etwas fehlte noch! Sie rannte zurück zum Haus und kurz darauf stürmte sie mit der Maske zurück.
„Opa du musst die noch aufsetzen!“
Papa schien das jetzt doch etwas albern zu finden und wollte mit dem Graben anfangen, aber Opa hörte auf sie. Er setzte die Maske auf und begann die Melodie erneut zu summen. Die kleinen Äste zitterten. War es der Wind? Nein! Eine Knospe zeigte sich. Eine weitere. Und noch eine! Kleine hellgrüne Blätter sprossen aus den Zweigen und bald war der ganze Busch wieder grün.
„Äh. Wie?“, fragte Papa staunend.
Lura wusste es: „Das ist Elfenmagie!“