Strohmann
Weiße Wolken zogen am Himmel dahin. Vögel tanzten zwischen ihnen, während der alte Landwirt Jonathan auf seinem Feld sein Pferd antrieb, um Furchen durch die Erde zu ziehen. Es war eine harte Arbeit, hart für ihn und hart für sein Pferd. Am Ende eines jeden Tages ging er heim in seinen bescheidenen Hof und früh am Morgen, noch bevor der erste Hahn krähte, ging er wie-der hinaus auf das Feld.
Viel Land besaß er nicht, nur ein paar Morgen, im Ver-gleich zu anderen Landwirten nur sehr wenig. Und die harte Arbeit lohnte sich kaum, denn auf dem Markt in der Stadt verkauften Großhändler ihre Waren zu wesentlich günstigeren Preisen. Trotzdem blieb Landwirt Jonathan stark und hielt durch. Er wusste, irgendwann würden bessere Zeiten für ihn kommen.
Eines Morgens, im Dämmerlicht des vierundzwanzigs-ten Aprils des Jahres 1793, trat der alte Landwirt auf sein Feld, um die letzten Reihen zu pflügen. Am Vorabend hatte er in die anderen Reihen bereits ausgesät. Die Samenkörner, die er sich von der letzten Ernte bewahrt hatte, waren verschwunden. Wütend sah er auf und er-kannte die Ursache für das Verschwinden des teuren Gutes. Mehrere Raben flogen auf und suchten schnell das Weite, als der wütende Landwirt nach ihnen brüllte und Steine warf. Mit viel Glück, wie er fand, traf er eines der Geschöpfe am Kopf. Es stürzte hinab und viel kra-chend auf die Mitte seines Ackers. Er holte einen Spa-ten, einen Holzpfahl, etwas Stroh und einige alte Klei-der. Den Pfahl rammte er an die Stelle in den Boden, an die der Rabe gestürzt war. Er band das Stroh daran und zog ihm die alten Lumpen an. Das Stroh quoll durch Hosenbeine und Arme, aber auch durch die zahlreichen Löcher im baigenen Hemd. Den runden Ballen, der den Kopf bildete, zierten zwei pechschwarze Steine, die in die Ferne zu starren schienen. Darüber saß ein ausge-blichener, grüner Hut, an den der Landwirt eine Feder des verstorbenen Raben gesteckt hatte. Zufrieden be-trachtete Jonathan sein Werk, ging nach Hause, stellte den Spaten neben seine Haustür und schlief ein.
Zunächst half die Strategie. Die Halme des Getreides schossen aus der Erde hervor, wurden gelblich, glänz-ten fast schon golden und waren letztlich nur noch Stoppel, als die Zeit der Ernte kam. Während all der Zeit stand der Strohmann draußen auf dem Feld, bei jedem Wind und Wetter. Ob es regnete oder die Sonne erbar-mungslos von Himmel hinab schien. Doch bald hatten die Raben und anderen Vögel gemerkt, dass ihnen die-se Person aus Stroh nichts tat. Sie zerrten den Hut hin-unter, pickten sich Stroh für ihre Nester oder suchten im Stroh nach Würmern.
Im Kamin flackerte ein kleines Feuer, geschürt von ei-nem einsamen Holzscheit und dem Wind, der durch den Kamin herunterzog. Landwirt Jonathan saß an dem ein-zigen Tisch des Raumes und sah zu einem Bild an der Wand. Es zeigte seinen Vater und seine Mutter. Das Bild von der Hochzeit seiner Eltern war das einzige, was ihm geblieben war. Seine Mutter war bei seiner Geburt ge-storben. Seinen Vater hatte der Tod geholt, als er erst sechzehn war. Der Wind pfiff laut und der Regen trom-melte an die Fenster. So in schweren Gedanken sitzend, seufzte der Mann mit dem krausen Haar leise.
Plötzlich zuckte ein Blitz vom Himmel und sein helles Licht erfüllte den Raum, der ansonsten nur durch das flackernde Feuer im Kamin erhellt wurde. Jonathan drehte sich um und sah hinaus.
„Vater“, seufzte er, sah zurück zum Bild und lächelte leicht, „Als du noch gelebt hasst war alles anders. Auch die Gewitter.“
Wieder zuckte ein Blitz und diesmal war er so nah, dass die Fensterscheiben klirrten und zitterten, als der Don-ner ertönte.
„Entweder die Raben fressen meine Saat, oder ein Un-wetter schwemmt alles hinfort“, er schüttelte hoffnungs-los den Kopf, „Womit habe ich das verdient?“
Ein Klopfen erklang von der Tür und der Landwirt drehte sich um. Anstatt das er aufstand, blieb er jedoch sitzen und schüttelte den Kopf. Er wollte alleine sein. Alleine mit sich und seinen Gedanken. Jonathan ignorierte das Klopfen. Wenig später erklang es erneut. Diesmal stär-ker und lauter.
„Ja, ja. Wer, um Himmelswillen, treibt sich bei diesem Wetter in der Gegend herum?“, knurrte der grauhaarige Landwirt und stützte sich auf die Lehne seines Stuhls. Eine Antwort bekam er nicht, doch das Klopfen erklang weiter.
Als er zur Tür ging, sah er, dass das Feuer kurz vor dem Ausgehen war und rief: „Einen Moment noch bitte! Ich bin gleich da!“
Zuerst ging er zu dem kleinen Stapel Holz, der in einer Ecke des Raumes ruhte, nahm zwei Scheite und steckte sie schnell in den Kamin. Sofort eilte er zur Tür und lauschte erst einmal einen Moment, doch die Geräusche des Gewitters übertönten alles andere.
„Wer ist denn da?“ Jonathan glaubte eine leise Antwort zu hören, die er jedoch nicht verstand. Er fragte sich, wer bei dem Wetter draußen unterwegs war und warum ausgerechnet zu ihm, wo ihn doch sonst nie jemand besuchen kam. Neugierig schob er den Holzriegel bei-seite und öffnete die Tür.
Ein kalter, nasser Wind wehte ihm entgegen und etwas Laub flog hinein. Doch draußen vor der Tür stand nie-mand. Während der Wind das Feuer hinter ihm stärker zum Flackern brachte, sah er sich um. Blitze zuckten zu Boden. Der alte Landwirt trat einen Schritt in die Nacht, sah sich um und zuckte mit den Schultern. Er nahm an, dass er sich verhört hätte. Jonathan hob einen Fuß, um über die Schwelle in das Haus zurückzukehren, als Blut auf seine Nase tropfte. Erschrocken wich er zurück, hob die Hände und fühlte seine Haare. Auch dort befand sich Blut. Er hob den Blick und entdeckte ein halbes Dutzend toter Raben, die über seine Tür genagelt wor-den waren.
„Was ist das für ein grausiger Scherz?“, Jonathan glaub-te, rechts an der Hausecke sich etwas bewegen zu se-hen, „Wer ist denn da? Zeige dich, du Halunke!“ Er nahm seinen Spaten, der immer neben seinem Eingang stand, und ging in die Richtung, in welcher er den Schatten zu sehen geglaubt hatte.
Wieder erklang ein Donner, während der Regen auf ihn viel. Er ignorierte das Wetter und ging um die Ecke sei-nes Hauses.
„Zeigen sie sich!“, rief er, noch einmal. Wieder zuckte ein Blitz vom Himmel und erhellte kurz die Umgebung. Eine Gestalt, die etwas größer zu sein schien als der Land-wirt, drang gerade in Jonathans kleine Scheune ein. Jonathan fluchte und rannte zu dem aus Holzbrettern zusammengenagelten Gebäude, in dem er seine Geräte, Holz und Stroh lagerte. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren, doch innen konnte er niemanden se-hen.
„Ich weiß, das sie hier sind, kommen sie raus!“, rief er noch einmal. Wer immer das war, spielte ihm entweder einen Streich oder hatte noch böseres im Sinn. Viel-leicht handelte es sich um einen Landstreicher, oder um einen Dieb. Jonathan würde das wenige, das er besaß verteidigen. Er war jederzeit bereit mit seinem Spaten zuzuschlagen.
Plötzlich ertönte ein knackendes Geräusch und im nächsten Moment wurde der Landwirt von etwas so hart in den Bauch getroffen, dass er rücklings zu Boden ging. Der Spaten viel scheppernd zu Boden, während ein Donnerschlag die Nacht zum Zittern brachte. Er spürte Schmerz, aber zugleich auch, wie die Wut in ihm aufstieg. Schnell richtete er sich wieder auf. Er wollte erneut nach dem Spaten greifen. Doch jemand packte ihn am Kragen und im nächsten Moment verlor er den Boden unter den Füßen. Jonathan schrie und zappelte wie ein Fisch am Hacken eines Anglers. Erst ein paar Momente später realisierte er, dass er an einem Strohha-ken hinaufgezogen wurde. Einen Moment später hing er unter der Decke seiner Scheune. Es klapperte im Zwie-licht eines aufflammenden Blitzes. Eine Bärenfalle rollte unter ihm auf den Boden. Der Stoff seiner braunen Weste begann mit einem langgezogenen Krächzen nachzugeben.
„Lasst mich runter! Verdammt! Lasst mich runter!“
Im nächsten Moment wurde ihm sein Wunsch erfüllt, doch viel schneller, als er es sich vorgestellt hatte. Er stürzte in die Tiefe.
Der Fall kam ihm seltsam lang vor. Hart schlug er auf den Boden auf. Die Bärenfalle schnappte sein Bein. Er schrie und krümmte sich. Anschließend drehte er sich um und sah, wie der Harken ebenfalls fiel. Die Luft wur-de aus seinen Lungen gepresst und Übelkeit stieg in ihm rasend schnell hervor, als das schwere Metallteil auf seinen Bauch traf. Jonathan übergab sich. Der Harken fiel scheppernd neben ihn auf den Boden.
Sein Atem ging schwer. Der Wind pfiff noch immer er-barmungslos durch die offene Tür, als eine Gestalt ein-trat. Im wenigen Licht konnte Jonathan nicht viel erken-nen, nur das sie offenbar alte Lumpen und einen Hut mit breiter Krempe trug. Außerdem stank sie, als ob sie Tagelang zwischen einer Schar von Krähen verbracht hätte. Sie kam zu ihm, befreite sein Bein aus der Bären-falle und beugte sich über ihn.
„Wer sind sie? Was wollen sie?“, fragte Jonathan stot-ternd und versuchte mehr zu erkennen. Doch in diesem Moment blieb die Nacht dunkel und schwarz.
Anstatt zu Antworten hob die Gestalt etwas Langes in die Höhe. Im Schein eines Blitzes erkannte er die Spit-zen einer Mistgabel.
„Was? Nein wartet!“, flehte er, doch die Gestalt stieß schon zu. Erneut durchfuhr ihn Schmerz. Blut floss aus einem Einstich in die Hand auf den Boden. Der Landwirt heulte laut auf und im Licht eines Blitzes wurde deut-lich, wie Tränen seine verzerrten Wangen hinunterlie-fen. Der Angreifer trug eine Maske aus Stroh. Er packte den Landwirt mit kräftigen Händen und hob ihn hoch. Jonathan fluchte, sein Spaten lag zu weit weg, so hatte er nur etwas Staub vom Boden und Spuke, die er sei-nem Widersacher ins Gesicht werfen konnte.Der Angrei-fer schien nicht einmal zu zucken. Er packte Jonathan mit der anderen Hand am Hals. Seine Berührung stach in die Haut des Landwirts, wie tausende kleine Nadeln.
„Ich habe alles für dich getan und so dankst du es mir?“, fragte eine krächzende Stimme.
Jonathan konnte die Stimme keinem Gesicht zuordnen, dennoch kam sie ihm irgendwie vertraut vor.
„Ich will nicht so sein. Ich gebe dir noch eine Chance“, der Fremde sah Jonathan aus einem glasigen Auge un-ter der Maske an.
„Eine Chance?“, fragte der Landwirt verwirrt, „Was wollt ihr von mir?“
Die Person antwortete nicht, sondern ließ den alten Mann unvermittelt in den Dreck fallen. Jonathan stand so schnell wie möglich auf und flüchtete humpelnd in die Nacht. Er achtete nicht darauf, wie der Regen ihn immer mehr durchnässte. Nachdem er den halben Weg zu einem kleinen Wald in der Nähe seines Hauses zu-rückgelegt hatte, drehte er sich um und sah zurück. Er erkannte nicht viel. Aber einen Schatten, der ihn folge. Er rannte weiter. Wechselte die Richtung. Und noch einmal. Jonathan rannte und rannte durch den Regen und die Blitze schlugen in der Nähe ein und Donner ließ ihn noch mehr Zittern. Einmal glaubte er, die Gestalt in seiner Nähe hinter einem einsam stehenden Apfel-baum zu sehen. Er stürzte über einen Stein, Wasser spritze auf und Schlamm zierte sein Gesicht, als er wie-der aufblickte. Er war so weit gerannt, dass er sein klei-nes Feld erreicht hatte und nun sah er zu dem Pfahl, auf welchem am Nachmittag noch der Strohmann ge-steckt hatte. Der Pfahl war leer. Davor steckte im schlammigen Boden eine einzelne Rabenfeder. Jo-nathan blieb verdutzt stehen. Wer stahl eine Vogel-scheuche? Dieser verrückte Angreifer, der ihn verfolgte?
Der Landwirt wurde ruckartig herumgerissen, zu Boden gestoßen und landete auf dem Rücken. Er stürzte mit dem Rückgrat auf einem spitzen Stein und konnte sich nicht mehr bewegen. Selbst wenn er es gekonnt hätte, wäre zweifelhaft gewesen, ob er schnell genug gewe-sen wäre. Denn schon einen Moment später wurde das Licht eines Blitzes von einem metallischen Gegenstand reflektiert. Metall zerriss Jonathans Hemd mit einem krat-zenden Geräusch und Blut floss aus langen Striemen, die über seine Brust führten. Es regnete wieder stärker und so begann sich Blut mit Wasser zu mischen. Der Angreifer mit der Strohmaske beugte sich über ihn. Der Atem des Landwirts kondensierte, als er angsterfüllt in das Gesicht seines Angreifers sah.
„Was ist nun? Erkennst du mich denn nicht?“, fragte die Gestalt. Ihr Gesicht wurde einmal mehr durch einen Blitz erhellt.
„Ich weiß nicht, wer ihr seid, oder was ihr von mir wollt“, sagte Jonathan zitternd, „Bitte hört auf!“
„Wirklich nicht.“
Jetzt erkannte Jonathan, dass die Stimme des Stroh-manns seine eigene war, er zitterte vor Angst, „Wer bist du?“
„Du hasst mich geschaffen. Du bist sozusagen mein Vater“, die Gestalt beugte sich näher und einige Würmer krochen aus ihr heraus und vielen auf den Mann, „Er-kennst du nicht dienen Sohn? Vater?“
„Nein!“, rief Jonathan, bäumte sich mit all seiner Kraft, die er noch hatte auf und stieß die Gestalt beiseite.
Er rannte zurück zu seinem Haus, suchte nach dem Spaten, sah ihn jedoch nirgends und flüchtete durch die noch immer offen stehende Tür, zurück in seine Woh-nung. Die Tür knallte zu und er schob sofort den Riegel davor. Für einen Moment gestattete er es sich, sich ge-gen die Tür zu lehnen und tief durchzuatmen. Ihm wur-den seine Verletzungen bewusst und wie geschwächt und langsam er war. Nur die Angst hatte ihm Kraft ver-liehen, zu fliehen. Doch wohin sollte er jetzt rennen? Jonathan begriff, dass diese Person ihn leicht hätte ein-holen können, wenn sie gewollt hätte. Sie spielte mit ihm. Es klopfte an der Tür. Er drehte sich um, nicht wa-gend etwas zu sagen.
„Vater! Willst du mich denn nicht hereinlassen? Das Gewitter macht mir Angst und hier ist es kalt und nass.“
„Nein! Verzieh dich! Geh dorthin zurück, wo du her-kommst!“
„Was?“, schrie die Stimme plötzlich empört, „Ich soll zu-rück auf das Feld?“
Ein starker Schlag ließ die Tür erzittern.
„Du willst mich echt dorthin zurückschicken? In den Re-gen? In den Matsch? In die grausame Welt des Wetters? Wo die Raben mich zerpflücken und über mich spot-ten?“
Der Landwirt wich zurück, noch ein Schlag erklang und der Riegel der Tür bekam einen Riss.
„Wie kannst du nur Vater? Liebst du mich denn nicht?“
„Du bist nicht mein Sohn!“, Jonathan wich weiter zurück bis er an die Tischkante stieß.
Dann brach der Riegel und die Tür wurde aufgeschleu-dert. Ein Blitz umgab die eintretende Gestalt.
„Vater! Ich muss dich wohl erziehen!“, sagte der Stroh-mann und kam näher.
„Nein!“, der Landwirt suchte nach irgendetwas, mit dem er sich wehren konnte, doch fand er nichts weiter als ein Buch. Eine Bibel, die auf dem Tisch lag. Er schleuderte sie gegen den Strohmann.
Dieser fing das Buch mit seiner Hand auf und sah es sich kurz an.
„Ah, die Bibel, das Wort Gottes. Hättest du als mein Vater es mir nicht vorlesen sollen? Hättest du mir nicht die Worte deines Schöpfers sagen sollen?“
„Du bist nur eine Puppe aus Stroh!“
Der Strohmann griff nach den Händen des Landwirts und hielt sie mit erstaunlicher Kraft fest.
„Nur Stroh?“, fragte er wütend, „Nur Stroh? Ich bin mehr als das! Du hasst mich geschaffen. Ich bin dein Sohn. Ich stand Tag und Nacht, bei jedem Wetter draußen und du betrachtest mich immer noch als ein Bündel Stroh?“
„Dein einziger Zweck war es die Vögel zu verjagen“, stammelte der Mann.
„Oh ja, die niedlichen kleinen Vögel. Weißt du was Va-ter? Sie haben mich gezwickt, mir meine Haut gestoh-len! Mein Auge haben sie genommen und das Stroh aus meinem Körper gezogen, um damit ihre Nester zu bau-en. Und wo warst du Vater? Hättest du mich nicht be-schützen sollen, wo ich so verwundbar war?“
Der Tisch verschob sich weiter in Richtung des Kamins, als Jonathan noch weiter zurückzuweichen versuchte.
„Ein Vater sollte für sein Kind da sein! Er sollte es be-schützen!“, der Strohmann versuchte ein mitleiderre-gendes Gesicht zu machen, was ihm jedoch misslang, „Du hättest mich behüten sollen!“
„Du bist nicht mein Sohn!“
Er spürte einen kräftigen Schlag, der sein Gesicht traf. Anschließend hatte er einen Geschmack von Blut im Mund.
„Wieso verleugnest du mich Vater?“
Jonathan konnte nicht weiter zurückweichen. Aus dem Augenwinkel sah er das Feuer im Kamin brennen.
„Du bist eine Ausgeburt der Hölle!“ Wieder bekam der Landwirt einen Schlag. Er stürzte, nicht ganz unbeab-sichtigt, in die Nähe des Kamins und griff hinein. Die Hitze verbrannte ihm die Haut. Doch in diesem Moment spürte er keine Schmerzen mehr. Er zog den brennen-den Holzscheit heraus und wollte damit den Strohmann entzünden, doch dieser entriss ihm den Holzscheit mit seinen in Handschuhen steckenden Händen. Jonathan erkannte die Schmiedehandschuhe seines Vaters.
„Was willst du nun tun? Wirst du mich töten?“, der Landwirt sah mit vor Angst weit aufgerissenen Augen in das Gesicht des Strohmanns, der sich nun ganz dich über ihn beugte.
„Dich töten?“, es schien fast als versuchte er zu lächeln und einige Halme seines Strohmundes bogen sich nach oben, „Nein, ich werde dir nicht das Leben nehmen, das wird dich ganz von selbst verlassen. Ich habe etwas viel Besseres mit dir vor.“
Als am nächsten Morgen der Hahn krähte und die ers-ten Sonnenstrahlen das Feld von Landwirt Jonathan berührten, waren alle Wolken des Gewitters der letzten Nacht verschwunden. Rauch stieg von den abgebrann-ten Überresten des Bauernhauses auf. Die Vögel flogen von Baum zu Baum und pickten hier und da wieder Sa-men aus dem Boden.
Und in der Mitte des Feldes befand sich der Strohmann. Das Gesicht vor Schmerzen verzehrt, ausdruckslos die starrenden Augen. Die Haut blass und die Lippen fast schwarz steckte Landwirt Jonathan aufgespießt inmitten seines Feldes.