Die Lösung der Grenzen

Dunkelgrüner Rauch, durchzogen von violetten Schlieren verzog sich und gab den Blick auf eine Gestalt frei, die aus einem Albtraum hätte stammen können. Gewundene, abgestoßene Hörner ragten aus ihrem Schädel. Eine Glut brannte in ihren Augen, die von einem aschfahl gefärbten, fast erdigen Gesicht umrahmt wurden. Bis zu den klauenartigen Händen, die in spitzen, blutrot glänzenden Nägeln endeten, bestand kein Zweifel: Dies war eine Dämonin. Varasha Draith ließ ihren Blick der Reihe nach über jeden Zauberer und jede Hexe, die um sie herum im Kreis standen, wandern. Jeder trug ein andersfarbiges Gewand. Schließlich blieb ihr Blick an der einzigen Person hängen, die auf einem Stuhl saß.
„Arfax“, sagte sie leise, fast zärtlich, „Ich wusste, irgendwann würdest du es übertreiben.“ Sie trat direkt vor ihn, grinste in seine ausdruckslosen Augen und fügte mit gespieltem Bedauern hinzu: „Hättest du mich doch nur um Hilfe gebeten.“
„Er hätte niemals einer Dämonin wie dir seine Seele verkauft! Er war ein aufrichtiger Meister der Alchemie!“, fauchte ein junger Zauberer mit grünem Gewand.
Varasha strich mit ihrem Zeigefinger über Arfax Stirn und zog einen golden schimmernden Funken hervor. Er tanzte um ihren Finger, bis er zwischen ihren Lippen verschwand. Der alte Mann sackte in sich zusammen und atmete nicht mehr.
„Zumindest nicht ganz, da hast du recht Morwyn.“
Sie schloss genüsslich die Lider. Als sie sie wieder öffnete, fixierte sie den jüngsten Zauberer, „Ihr habt mich bestimmt nicht wegen dieser kleinen Freude gerufen. Was wollt ihr?“
Morwyn deutete auf den Boden. Neben ein paar magischen Runen lag eine zerbrochene Phiole mit Resten einer grünlichen Flüssigkeit darin. Varasha trat darauf. Die Hexen zogen scharf die Luft ein. Die Dämonin hob ihr Bein, verdrehte es in einen unnatürlichen Winkel und leckte mit ihrer übergroßen, zweigespaltenen Zunge über ihren Schuh.
„In Ordnung. Mein Lohn ist die Seelenträne aus euren Archiven.“
„Was? Das ist …“, begann der junge Zauberer empört, doch ein Älterer schnitt ihm das Wort ab: „So ist es besiegelt.“
Varasha schnippte mit den Fingern und es hallte wie ein Kanonenschlag durch die Hallen der magischen Akademie wieder.
Ein junger Mann, mit kurzem, schwarzem Haar und schwarz-rotem Jackett erschien neben ihr. Sie zeigte auf die Überreste und verlangte: „Zeichne davon das Vergangene, Nathaniel.“
Er nickte, zog einen leicht angekokelten Notizblock und einen Stift aus einer Tasche und zeichnete flink Phiole und Alchemist mit sicheren Strichen. Anschließend riss er das Papier aus dem Block und hielt es Varasha hin. Sie hob einen Finger darunter. Er verwandelte sich in eine Flamme und verbrannte den Zettel. Aus den verglühenden Funken formten sich Alchemist und Phiole samt silbern glänzender Flüssigkeit darin.
Varasha riss dem Abbild des Alchemisten die Phiole aus der Hand und hielt sie an ihr Ohr. Als sie den Mund öffnete, drangen gequälte, vielstimmige Klagelaute heraus.
„Gefangene Seelen. Zwölf. Nein dreizehn“, erklärte Varasha und schwenkte die Phiole, sodass die Flüssigkeit darin im Kreis gewirbelt wurde.
„Das erklärt, warum die Runen flackern“, sagte Nathaniel und deutete auf die in den Boden gemeißelten Symbole.
Varasha betrachtete die Flüssigkeit der gequälten Seelen mit diabolischer Zufriedenheit. Erst nach einem langen Zögern löste sie ihren Blick davon, um auf Nathaniel zu reagieren, „Scharfes Auge. Mach es den Blinden sichtbar.“
Der Zeichner strich mit einem Finger über den Rand des nächsten Blattes, bevor er seine Arbeit begann.
„Die Linien sind hart, wie der Fels, aus dem diese Hallen gehauen wurden.“
Seine Linien formten die Bögen der hohen gewölbten Decke und die von Fackeln erhellten, in alle Richtungen schier grenzenlos verzweigenden Gänge.
„Aber die Schatten sind weich“, murmelte er, legte den Stift auf die Seite und fügte Schattierungen hinzu. Sie strichen sanft über Wände und die Runen am Boden, „Durchdringbar.“
Er riss das Papier heraus und ließ es hinabfallen. Wie ein Teppich breitete es sich über den Steinboden aus und sank in ihn hinein. Zurück blieben bläulich schimmernde Linien in den Runen, die hin und wieder ihre Kraft verloren und verblassten.
„Dachtet ihr wirklich, ihr könntet eure Schwäche vor mir verbergen?“, die Dämonin schnaubte abfällig, „Ihr habt nicht gesehen, woher sie kommt, aber ihr habt sie gespürt. Mit euren magischen Runen stimmt etwas nicht. Eure mächtigste Kraftquelle ist kaputt.“
Sie richtete sich zu voller Größe auf, nahm den gesamten Zirkel in den Blick und fügte scharf hinzu: „Ihr seid angreifbar!“
Morwyn versteifte sich, ging in Abwehrhaltung und hob seinen Zauberstab. Eine der Hexen legte ihm rasch ihre Hand auf den Arm.
Varasha lachte laut, „Die Tapferkeit ist die dümmste Eigenschaft der Narren.“
Morwyn machte einen Schritt nach vorn, doch die anderen hielten ihn zurück. Die Dämonin verlor das Interesse daran und drehte sich zur künstlichen Gestalt des Alchemisten. Sie griff seinen Hals und drückte zu. Er versuchte erfolglos sich zu befreien. „Du hingegen Arfax, hast dir einen kleinen Teil meines Respekts verdient. Ein niederer Alchemist. Allen anderen hier anwesenden Zauberern und Hexen untergeordnet. Und doch vollbringst du, was ihnen seit Jahrhunderten nicht gelingt. Deswegen braucht ihr mich. Die Seelenmagie ist jenseits eurer Grenze. Die Anwendung auf euren Runen stört ihr Gleichgewicht.“
Nathaniel zeichnete, wie sich Varasha lachend wieder zu den Mitgliedern des Zirkels umdrehte, „Ihr könnt sie nicht wirken und ihr könnt sie nicht auflösen. Das können nur wir dämonischen.“
„Wir könnten sie wirken! Wir wollen es nur nicht. Das ist ein Unterschied. Seelenmagie ist schwarze, verbotene Magie. Sie schadet den Seelen immer und zieht die eigene Seele in den Abgrund“, protestierte Morwyn mit einem Tonfall, als würde er es jungen Zauberschülern vorbeten.
„Wer es nicht will, der kann es nicht“, entgegnete Varasha kühl. Sie zog Arfax Abbild zu sich und legte einen Arm um seine Schultern, als wären sie alte Freunde.
„Du hingegen hast es geschafft. Zumindest fast. Also: warum? Ist dir im letzten Moment die Phiole aus der Hand gefallen und hat die heiligen Steine besudelt? Bist du wirklich so dumm?“
Arfax zitterte. Das Abbild des Alchemisten sträubte sich, doch brachte ein gepresstes „Nein“ hervor.
Varasha neigte leicht den Kopf.
„Natürlich nicht. Du warst ein Idealist, Arfax. Und Idealisten sind die gefährlichsten von allen.“
Morwyn sah überrascht zu seinen Kollegen, „Er antwortet ihr?“
Der ältere Magier nickte: „Weil sie einen Teil seiner Seele besitzt.“
Varasha beachtete die Zauberer nicht, sondern sprach weiter mit Arfax, „Also nicht dumm. Was dann?“
Nathaniel hob den Stift von seiner Zeichnung, die Morwyns Gesicht in dutzenden Grautönen zeigte, und murmelte: „Die Farben der Schatten passen nicht.“
Varasha seufzte gespielt vorwurfsvoll, „Musst du alles verraten?“
Der älteste Magier ließ seinen Zauberstab mit dem Wort „Revalum“ durch die Luft kreisen. Doch seine Magie verblasste, ehe sie die Überreste der Phiole erreiche.
„Oh bitte.“ Varasha streckte sich genüsslich, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.
„Ihr hättet mich nicht einmal herbeirufen können. Ich bin gekommen, weil sein sterbender Körper mich rief, um mir meinen Anteil an seiner Seele zu überreichen.“
Sie ließ den Blick über die Magier gleiten, ein Lächeln wie ein Schnitt. Sie genoss offensichtlich jeden Augenblick.
„Ihr seid machtlos, verletzlich, könnt nicht einmal erklären, was passiert ist und dann mache ich auch noch den einzigen Triumph eures Tages kaputt. Wie herrlich!“
Nathaniel hatte eine weitere Phiole gezeichnet und hielt den Zettel Varasha hin. Er entflammte und sank auf die am Boden liegenden Scherben. Sie setzten sich zusammen mit einem Tropfen Flüssigkeit darin. Die Dämonin hob beide Phiolen nebeneinander in die Höhe.
„Seelenessenz. Färbt sich immer nach der Quelle der zuletzt darauf angewendeten Magie“, sie ließ die silberne Flüssigkeit kreisen und schwenkte den Rest der grünen. Breit grinsend sagte sie, „Ich sehe nur einen Zauberer mit Naturmagie hier.“
Morwyn ballte die Hände zu Fäusten. „Ich musste ihn stoppen! Er hat die Grenze nicht nur überschritten, er sagte, er wolle sie einreißen. Der Verrückte behauptete, er hätte einen Weg gefunden, wie jeder von uns gefahrlos Seelenmagie verwenden könnte. Er redete wie sie“, seine zitternde Hand deutete auf die Dämonin, „Wir sollten uns von unseren Grenzen lösen. Für eine endlose Magie.“
„So endlos wie die Linien, die man zeichnet, wenn man diese Hallen malt“, murmelte Nathaniel und führte seinen Stift sanft über das Papier.
Morwyn schüttelte den Kopf und Tränen rannten über seine Wangen.
„Ich wollte ihn nicht töten. Es war nur ein Erstarrungszauber!“
„Naturmagie verträgt sich nicht besonders mit Seelenmagie. Riecht gut, aber ein wenig tödlich“, bemerkte Varasha beiläufig. In ihrer Hand hielt sie eine weitere Zeichnung, die gerade verbrannte und sich in einen schwarzen Diamanten in Tränenform verwandelte.
„Ich war so frei und habe mir meine Belohnung bereits geholt. Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen.“
Morwyn wurde von zwei Hexen festgehalten und schrie: „Das könnt ihr doch nicht zulassen! Sie ist die Böse!“
Die Dämonin war wenig beeindruckt von dieser zutiefst menschlichen Emotion, „Nathaniel. Deine letzte Zeichnung für heute. Du weißt, welche.“
„Bereits fertig.“
Der junge Mann riss das Blatt heraus und ließ es zu Boden sinken.

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