Hilfe für Station 997
Es wird einmal sein, in hoffentlich sehr ferner Zukunft. Dies sind die Abenteuer ganz normaler Menschen, wie du und ich, die jeden Tag mit dem ganz normalen Wahnsinn des Universums kämpfen …
Heute werfen wir einen Blick auf Raumstation 997, wo die Nachfahren berühmter Herrscher aus Rom residie-ren.
„Julius, Julius!“, ein Mann in einer roten Toga rannte die Marmortreppen hinunter, „Julius! Wo bist du denn schon wieder?“
Julius gähnte und sah auf. Er fragte sich, was jetzt schon wieder los war. Nie hatte er seine Ruhe.
„Ich bin, wo ich immer bin.“
„Na was hätte ich denn auch sonst erwarten sollen“, der andere Mann schüttelte den Kopf, „Dein Ururgroßvater hat im alten Rom gekämpft und du liegst nur faul auf dem Sofa und siehst Fernsehen.“
„Mein Ururgroßvater ist auch nicht ohne Grund tot“, sag-te Julius müde und rollte sich lustlos vom Sofa, „Also, was ist?“
Plötzlich wurde alles erschüttert und einige Gläser fielen aus dem Schrank. Klirrend zerbrachen sie am Boden.
„Dass du das noch nicht gemerkt hast. Unsere Station wird angegriffen!“
„Ich dachte, du probierst wieder irgendwelche Sprengs-ätze aus.“
Nero verschränkte die Arme vor der Brust: „Ich habe es dir doch schon so oft erklärt: Ich mache nichts mit Sprengsätzen. Ich entwickele Feuerwalzen für große Stadtfeste.“
Die Raumstation wurde ein weiteres Mal erschüttert.
„Verzeihung“, meldete sich die Stimme eines Computers, „Aber die Schilde werden einem Beschuss nicht ewig standhalten. Ich empfehle, etwas zu unternehmen.“
„Und was?“, Nero spielte nervös mit den Fingern.
„Wir versuchen, mit dem Angreifer zu verhandeln“, Juli-us ging in Richtung Kommunikationsraum.
„Also dein Ururgroßvater hätte sein Schwert gezogen und wäre schreiend auf das Schlachtfeld gerannt“, meinte Nero belehrend.
„Nein, hätte er nicht. Das ist eine sehr klischeehafte Darstellung“, erklärte Julius, während er den Hörer vom Telefon nahm. Wenn er sich beleidigt fühlen sollte, ver-barg er es sehr gut hinter seiner gelangweilt, gleichgülti-gen Stimme, „Er hätte sich irgendeine Taktik ausge-dacht.“
„Und dann hätte er zugeschlagen. Weil ihm langes Ver-handeln immer zu anstrengend war“, bestätigte Nero.
„Er war halt ganz anders, als ich“, meinte Julius.
Als er sah, dass Nero schon das nächste sagen wollte, ließ die Wählscheibe wieder los und legte den Telefon-hörer auf die Gabel zurück. Er hatte keine Lust auf eine Diskussion. Grummelnd ging er zum Computer und akti-vierte die automatischen Verteidigungssysteme.
„Das hättest du auch selbst machen können.“
„Du weißt doch, dass der Computer nicht mehr auf mich hört, ohne mich vorher in eine Stundenlage Diskussion über Religion und Ethik zu verwickeln“, meinte Nero und sah zu dem leuchtenden Auge in der Decke, wel-ches den Computer darstellte.
„Verteidigungssystem wurden aktiviert“, verkündete der Computer, „Der Angreifer kann nicht erfasst werden. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag und verges-sen sie nicht das Tischgebet.“
„Wer in des Höllenfeuers Namen hat eine Tarnvorrich-tung und greift uns an?“, fragte Nero.
Wieder wurde die kleine Raumstation erschüttert und eine Reihe von Büchern in einem Regal wackelte be-drohlich dicht an den Rand des Regalbodens.
„Durch Beten könntet ihr diesen Angriff vielleicht schneller beenden“, meinte der Computer.
Nero stellte sich mit ausgestreckten Beinen und Armen vor das Bücherregal, damit die Bücher bei der nächsten Erschütterung nicht herausfielen und verdrehte die Au-gen.
„In Ordnung. Ich bete, wenn du mir sagst, wer uns an-greift.“
„Eine Sekunde“, der Computer überlegte und überlegte und überlegte.
„Nun komm schon“, Julius wurde ungeduldig. Als nach einer weiteren Erschütterung noch immer keine Reakti-on erfolgte, trat Julius gegen die Konsole. Manchmal war er in der Stimmung, den Computer mit einer Axt um-zuprogrammieren.
„Wie lautete die Frage noch mal?“
„Wer greift uns an?“
„Das kann ich nicht sagen.“
„Dann müssen wir wohl selber nachsehen.“
„Wen meinst du mit wir?“
„Dich natürlich. Du siehst doch, dass ich beschäftigt bin.“
Julius seufzte und ging widerwillig zur Tür, „Mein Jäger. Ist der wieder heile?“
„Wenn ich mich recht erinnere, warst du zu faul, deinen Reparaturrobotern zu sagen, dass er mit der Reparatur anfangen soll.“
Julius fluchte, „Computer, von mir aus können wir beten, wenn dieser verdammte Angriff vorbei ist. Und erkläre den Reparaturrobotern mal, dass ein beschädigter Jäger repariert werden muss.“
„Ich sage den Robotern beschied.“
Ein Teil der Wand glitt auf und ein kleiner, piepsender Roboter rollte heraus. Ihm folgte ein größerer, humanoi-der Roboter, „Piep doch nicht immer so schnell, da kommt man doch kaum mit.“
Julius grinste. Immerhin passierte was, wenn man einen Befehl erteilte. Die Erschütterungen hörten auf, als die Roboter die Landebucht betraten und es gab eine neue, als sie wieder herauskamen.
„Ist repariert“, verkündete der Größere.
„Gut.“
Noch immer grummelnd ging Julius zu seinem Jäger und kletterte hinein. Er schloss die Pilotenkapsel und aktivierte die Triebwerke.
„Und jetzt mach das Tor auf.“
„Ich halte das nicht für sehr klug“, meinte der Computer.
Der Computer hatte immer seinen eigenen Willen, aber heute ganz besonders. Julius seufzte erneut: „Und wa-rum nicht?“
„Ich halte es einfach nicht für klug und im Übrigen finde ich es ganz schön beleidigend, dass du mir nicht ver-traust.“
„Sag mir einfach, was los ist.“
„Wenn ich das Tor öffne, entweicht die Atmosphäre der gesamten Station. Du hasst vergessen, die Tür zum Hangar zu schließen.“
Julius verdrehte die Augen. Musste man dem Computer jede Kleinigkeit befehlen? Das Computersystem war doch angeblich eines der intelligentesten auf dem Markt.
„Du kannst die Tür auch schließen.“
„Wenn es denn sein muss.“
Es knallte und die Tür war zu.
„Und jetzt lass mich raus. Ich will wissen, mit wem wir es zu tun haben.“
„Oh, ich weiß, mit wem wir es zu tun haben“, erklärte der Computer, als sich die Schleuse öffnete.
„Dann sag es mir.“
„Es tut mir leid, das kann ich nicht. Ich habe verspro-chen, nichts zu sagen.“
Wütend schob Julius den Beschleunigungshebel nach vorne und schoss mit seinem Jäger heraus.
„Ist das ein Aufstand? Eine Verschwörung oder was? Wieso versprichst du Angreifern, ihre Identität zu schüt-zen?“
„Würde ich das sagen, dann würde ich mein Verspre-chen brechen, das ist eine Sünde.“
Julius seufzte. Dann musste er es halt selbst herausfin-den. Die Sensoren des Jägers meldeten jedoch keine Schiffe in der Umgebung der Station. Eigentlich hätte er damit rechnen müssen, sonst hätte die Zielerfassung der Station ja auch funktioniert. Also gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder er flog durch Zufall gegen das feindliche Raumschiff, oder er konnte den Computer überzeugen, doch zu verraten, wer der Angreifer war.
„Wenn du es mir nicht sagst, sind wir bald tot.“
„Ich habe nie gelebt“, erklärte der Computer trocken.
Julius steuerte den Jäger unter die fünfzig Meter lange Raumstation. Die dunkelgrauen Panzerstahlplatten sa-hen unbeschädigt aus. Die Kommunikationsantenne war ebenfalls normal ausgerichtet. Julius konnte auch durch ein Fenster Nero sehen, der damit beschäftigt war, einen Tisch vor das Bücherregal zu ziehen, doch nir-gends war ein Angreifer zu sehen.
„Die zerschießen deine Schaltkreise und zerlegen dich.“
„Nein, das wird sie nicht machen.“
„Sie?“, fragte Julius verwirrt.
Plötzlich tauchte ein großes Raumschiff aus dem Nichts auf. Julius riss das Steuer nach hinten und schaffte es gerade noch hochzuziehen, sonst wäre von ihm nicht viel mehr als ein kleiner Fleck auf der Hülle des anderen Schiffes geblieben. Hinter ihm schwebte etwa ein Dut-zend kleiner Drohnen, die sich schnell dem Jäger nähr-ten und das Feuer eröffneten.
Julius fluchte laut und riss das Steuer herum. Er konnte der ersten Ladung Strahlen ausweichen, doch die klei-nen Drohnen waren viel schneller und wendiger als er. Rote Strahlen brachten sein Schild zum Leuchten. Eine Warnlampe glühte auf.
„Dein Schild ist gerade ausgefallen“, verkündete der Computer, der mit der Raumstation und dem kleinen Jä-ger verbunden war.
„Das war es dann wohl“, Julius schluckte, „Computer sende ein Notsignal an die Legion.“
„Tut mir leid. Ich habe versprochen, das nicht zu tun.“
„Beim Jupiter! Wurdest du gehackt?“
„Hacking wäre eine schwere, gewaltsame Attacke gegen mich, die ich verhindern würde. Ich wurde überzeugt.“
„Wo ist da er Unterschied?“
„Das erstere geschieht mit böser Absicht, das zweite mit Liebe.“
Julius konnte bei dem Satz nicht mitdenken, denn er war mit Ausweichen beschäftigt. Doch die nächsten Schüsse gingen auch am Jäger vorbei, als sie eigentlich hätten treffen müssen. Einen Augenblick später rasten die Drohnen direkt vor die Nase von Julius Jäger und formten ein großes Herz. Verwundert sah er auf das Herz.
„Was bedeutet das?“
„Ich würde sagen, das bedeutet, sie liebt dich“, meinte der Computer.
Julius starrte auf das Herz vor ihm, und bemerkte nicht einmal, wie der Jäger automatisch abbremste. Ein sich wiederholendes Telefonklingeln erklang.
„Was? Was hat das zu bedeuten?“
„Wir …, nein, du wirst gerufen“, erklärte der Computer den Klingelton, „Ich glaube, ich bin nicht gemeint.“
Er brauchte ein paar Momente, aber schließlich gelang es ihm zu sprechen, „Öffne den Kanal.“
„Tut mir leid, das kann ich nicht.“
„Wieso nicht?“
„Der Kanal war die ganze Zeit offen.“
„Diana! Du verrückte!“
Ein lautes und vertrautes Lachen drang aus den Laut-sprechern, gefolgt von den Worten einer heiteren Stim-me: „Ich hab’s geschafft! Ich hab’s geschafft! Ich habe dich vom Sofa bekommen.“
„Das war gemein“, grummelte Julius.
„Nein. Das war ein riesiger Spaß“, antwortete die Frau, „Und jetzt komm rüber. Ich muss dir mein neues Schiff zeigen.“
„Bin schon da“, Julius steuerte seinen Jäger auf die sich öffnende Landebucht des großen Raumschiffes zu. Er musste lächeln.
Er hatte nach Hilfe gefragt, dabei war sie von Anfang an da gewesen.